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Enjoy Capitalism

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Dienstag, 3. April 2012

Heroinvergabe und Drogenhilfe


 Eine Lobby verrät ihre Klientel

Graffiti in Köln      http://www.flickr.com/photos/15667997@N08/4996626278/


Der Krieg gegen Drogen...

  ... ist auch in Deutschland immer noch ein Krieg gegen die Abhängigen. Deren Leben bleibt geprägt von Kriminalisierung, Inhaftierung, Obdachlosigkeit, Psychiatrisierung, sozialer und körperlicher Verelendung, Vertreibung, Platzverboten und Festnahmen. Von den ca. 64.000 Häftlingen in deutschen Jugendgefängnissen sitzen etwa die Hälfte im Zusammenhang mit Drogen.
In Deutschland leben über 150.000 Heroin-Abhängige, in der EU plus Norwegen sind es ca. 1,5 Millionen etwa ¼ % der Bevölkerung, von denen bis zu 20.000 jährlich in der EU-Statistik der Drogentoten auftauchen.
Neben der Repressionsmaschinerie hat sich ein kaum weniger aufgeblähter Hilfskomplex entwickelt, für den die deutschen Sozial- und Rentenversicherungsträger jährlich etwa 10 Milliarden Euro zahlen. Mittlerweile werden etwa 75.000 Abhängige meist mit Methadon substituiert und seit Jahren „niedrigschwellige“ Angebote wie Fixerstuben, Spritzentausch, Cafés und Notschlafstellen ausgebaut. Doch der Grundsatz „Abstinenz oder Strafe“ wurde nie wirklich aufgegeben. Präventiv-medizinische Ziele, Überlebenssicherung und sozialpolitische Schadensminimierung haben es weiter schwer sich durchzusetzen.

Abstinenz oder „beigebrauchsfreie“ Substitution als einzige Behandlungsalternativen

Auch wenn Heroinsucht längst als Krankheit anerkannt ist, finden sich Abhängige in der Behandlungspraxis immer noch mehr in der Rolle des zu bestrafenden Kriminellen als der des Patienten wieder. Eine Studie mit dem Titel "Einstellungen und Vorurteile substituierender Ärzte" dokumentiert ein erschreckend "breites Spektrum negativer Einstellungen und Defizite in großen Teilen der substituierenden Ärzteschaft". Mangelhaftes Wissen über die Substanzwirkungen, strikte Durchsetzung oft willkürlicher Regeln und häufig lebensgefährliche Behandlungsabbrüche als Sanktion für Heroin-Rückfälle oder sonstigen „Beigebrauch“ gehören zum Alltag solcher ‚Drogenbewirtschaftung’. Straßenheroin bleibt das Problem auch in der Substitution, die daher geprägt ist durch ein regelrechtes Wettrüsten beim Nehmen und Fälschen von Urinproben.
Nicht weniger repressiv sind die (Teil-)Entgiftungsstationen in den geschlossenen Psychiatrien und die Drogentherapien, die bei 90 % Ihrer Klientel als Hafterleichterung fungieren, und schon deshalb als Teil des Justiz- und Vollzugsapparats bezeichnet werden müssen. Dass selbst der Strafvollzug nicht drogenfrei ist, dokumentieren Untersuchungen, nach denen über 50 %, in einzelnen Gefängnissen bis zu 95 % der Insassen harte Drogen konsumieren.
Tausenden Patienten wird die medikamentöse Alternative zur Todesdroge Straßenheroin (hier nachgestellt) bisher verweigert – mit katastrophalen Folgen

Die drogenpolitische Revolution von 2009

Doch es hat sich bisher weitgehend unbeachtet eine kleine drogenpolitische Revolution in Deutschland ereignet: 2009 wurde auf maßgeblichen Druck der Grünen aber auch Teilen der SPD, der FDP und der Linken das Gesetz zur diamorphingestützten Behandlung ("Heroinvergabe") verabschiedet. 2010 wurde Diamorphin in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen, aber Verschreibungsfähigkeit ohne aufwendige Vergabestellen wie in England ist bisher am Widerstand der SPD gescheitert.
Jahrelange Studien in sieben deutschen Großstädten hatten beeindruckend die Vorteile des Diamorphins gegenüber Methadon nachgewiesen. Der Gesundheitszustand der Probanden verbesserte sich deutlich, Konsum von Straßenheroin und Beschaffungskriminalität gingen auf fast Null zurück, sogar die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hatte sich mehr als verdoppelt. Fast schon euphorisch liest sich im Beschluss des Bundesgesundheitsministeriums vom Mai 2009, den Kosten einer Heroinbehandlung stünden pro Patient jährliche "Einsparungen in Höhe von 10.000 Euro" gegenüber.
Auch in der Politik hatte sich die Überzeugung der Suchtmedizin verbreitet, dass nicht jeder Schwerstabhängige geheilt, also abstinent werden kann. Bei Menschen, die  seit vielen Jahren abhängig sind und Dutzende Entzugs- und Substitutionsversuche hinter sich haben, soll Schadensbegrenzung im Mittelpunkt der Behandlung stehen.
Die Tür zur Originalstoffvergabe war aufgestoßen, und damit das Ziel näher, die gesundheitlichen und sozialen Probleme infolge von Straßenheroin, zu reduzieren. Fast alle damit befassten Berufs- und Sozialverbände, Bundesärztekammer, sogar Polizeipräsidenten begrüßten die Originalstoffvergabe.
Doch was wurde aus dieser Chance bisher gemacht? Die sieben Vergabestellen mit ihren kaum 500 Patienten blieben zwar in Betrieb, doch in keiner der übrigen 73 deutschen Großstädte, geschweige in kleineren Kommunen, wurde bisher auch nur eine einzige Vergabestelle eingerichtet!

Hochsicherheitstrakte für ein Medikament

Nicht zu unrecht wird die hohe Anschubfinanzierung von etwa 300.000 Euro für eine kostendeckende Vergabestelle skandalisiert. Denn nach den strengen, vom zuständigen LKA zu überwachenden Vorschriften müssen die Räumlichkeiten über höchste Standards, über Videoüberwachung, Sicherheitsglas, Tresore, Alarmanlagen und einen Sicherheitsring verfügen. Die Frage drängt sich auf, warum im Gegensatz zu Altersheimen, Krankenhäusern und einigen Arztpraxen, wo ebenso hochpotente Betäubungsmittel gelagert werden, ein solcher, die Kommunen belastender Aufwand nötig sein soll.
Ein weiterer Skandal ist, dass der Apparat sogenannter Drogenhilfen über Jahrzehnte gewachsen um die Folgeschäden des Straßenheroins zu mindern sich in Zeiten massiver Kürzungen ganz mit sich selbst zu beschäftigen scheint, und drogenpolitischen Fortschritt nicht als Verpflichtung, sondern als Besitzstandsgefährdung begreift. Während die Drogenhilfen sich weiter auf die Psychotherapeutisierung der Abhängigen konzentrieren, bestreiten sie auf kommunaler Ebene sogar nicht selten kaltschneuzig den Bedarf an Heroinvergabe oder stehen ihr gleichgültig bis hilflos gegenüber. So führen sie den eigenen Anspruch ad absurdum: Die meisten Abhängigen seien schließlich mit der bisherigen Substitution "gut versorgt". Das ist nicht nur auf Grund der Studien und Modellprojekte sehr zu bezweifeln. Die Anschubfinanzierung sei nicht aufzubringen: Solche Ausreden hören Kommunalpolitiker nicht ungern, erst recht, wenn sie von scheinbar unverdächtiger Seite kommen, und die unbestrittenen, immensen Einsparungen, die eine solche Vergabestelle mit sich brächte, nicht unbedingt und nicht direkt das eigene Budget stärken.
Und da die Abhängigen selbst sowieso niemand fragt, verlaufen alle Planungen für die Eröffnung von Diamorphin-Vergabestellen in deutschen Städten bisher im Nichts.
Initiative von YES-Vision e.V.

Fürchten Besitzstandswahrer in den  Drogenhilfen sinkenden Behandlungsbedarf?

Die oft unfreiwillige psychosoziale Betreuung von Substituierten, die ständigen, drehtürmäßigen Einweisungen in Akut-Stationäre-Behandlungen, die unzähligen Therapie- und Substitutionsabbrüche und Inhaftierungen, das gesamte, längst unüberschaubare Diagnose- und Methodenarsenal, die Labortechnik und Pippi-Überwachungsindustrie, all diese und andere Maßnahmen zur Folgebehandlung und Sanktionierung des Konsums von Straßenheroin   All das ist nicht zu teuer? Aber die Anschubfinanzierung für eine kostendeckende Diamorphin-Vergabestelle, die soll angeblich den finanziellen Rahmen sprengen

Die wirkliche Kostenfalle liegt in der Nicht-Umsetzung des Gesetzes

Wie absurd diese Behauptung ist, beweisen nicht nur die eindeutigen volkswirtschaftlichen Berechnungen sondern auch die bestehenden Ambulanzen. Es gibt Sponsoren, man kann Vergabestellen in bestehende Einrichtungen integrieren wie in Köln, an Krankenhäuser angliedern, oder den Betrieb sogar der Arbeiterwohlfahrt überlassen wie in Karlsruhe. Woran es im kommunalen Bereich wirklich mangelt, sind politischer Wille und volkswirtschaftlicher Sachverstand, der gebietet die Doppelt- und Dreifachbehandlung von Schwerstabhängigen einzuschränken. Alle Kostenträger einschließlich der kommunalen Dienstleister haben es bisher versäumt, im Interesse der Patienten wie der Beitrags- und Steuerzahler die erforderlichen Mittel umzuschichten. Der tatsächliche Schaden für die öffentlichen Kassen liegt in der Nichtumsetzung des Gesetzes.
Um den Preis des Verrats am verfassungsmäßigen Willensbildungsprozess und an 40 Jahren medizinischer, politischer, wissenschaftlicher und drogentherapeutischer Arbeit wird ein historischer sozialpolitischer Meilenstein aufs Spiel gesetzt.

Lasst die Ärzte endlich ihren Job machen

Anstatt die Ärzte ihren gesetzlich vorbeschriebenen Job machen zu lassen, betreiben die Kommunen die Beibehaltung des grauenhaften status quo der Drogenszenen und verelendeten "Junkies". Aber nicht nur die enormen Einsparungen werden dringend benötigt. Dem unwürdigen, kleinkriminellen und verwahrlosten Milieu in unseren Städten muss endlich die ihm zustehende moderne Medikation und Chance zur Reintegration gegeben werden.
Diamorphin für alle, die es brauchen
Unzählige Schwerstabhängige in Deutschland warten verzweifelt auf die Umsetzung des Gesetzes. Einschlägige Internetforen quellen über von Leidensgeschichten über verstorbene Abhängige, wütende oder trauernde Angehörige. Menschen, denen gesetzlich seit Jahren qualifizierte medizinische Hilfe zusteht, wird diese bisher fast bundesweit verweigert. Vielleicht kann der Kassen-Ausschuss, der gegenwärtig die Richtlinien zur Heroinvergabe überarbeitet, dahingehend Einfluss nehmen, dass die Kommunen beim Aufbau von Vergabestellen logistische Unterstützung erhalten.

Polizeiliche Verfolgung ersetzt keine Drogenpolitik

Polizei und Justiz betreiben immer noch enormen Aufwand, um Schwerstabhängige wegen geringster Konsumeinheiten zu verfolgen. Die Kommunen wenden seit Jahren viel Zeit, Geld und Personal auf, um einen Reparatur- und Kontrollbetrieb rund um die Drogenszenen aufrecht zu erhalten. Da wird es mit den Gesetzen nicht immer so genau genommen. Doch mit immer mehr Schwarzen Sheriffs, illegaler Videoüberwachung, Razzien, einer "Schimanskisierung polizeilicher Verfolgung" (Wolfgang Schneider) und zweifelhaften Entziehungen von Grundrechten werden gewiss keine drogenpolitischen Fortschritte erzielt. Bedeutende sozialpolitische Gesetzgebung darf nicht an mangelndem lokalen drogen- und rechtspolitischem Sachverstand scheitern.

Mittwoch, 21. März 2012

Tunesiens Salafisten terrorisieren Intellektuelle

Jörg Lau in Zeit-online, 31.1.2012:

Aggressive bärtige Lumpen erprügeln sich die Herrschaft über die Straße und die Institutionen Tunesiens

Von 31. Januar 2012 um 16:19 Uhr
Letzte Woche sollte in Tunis der Prozeß gegen den Direktor des TV Senders Nessma beginnen,  der im letzten Herbst den Film “Persepolis” von Marjane Satrapi ausgestrahlt hatte. Der Prozeß wurde schließlich verschoben, doch die Aufregung um den Casus Karoui hält an. Dem Angeklagten drohgen schlimmstenfalls 5 Jahre Haft wegen Blasphemie. Die gute Nachricht: Tausende von Tunesiern haben gegen diesen Prozeß demonstriert, in dem sie völlig zu Recht einen entscheidenden Moment erkennen, in dem sich das Schicksal des Landes entscheiden kann.
Es geht um die Frage, ob das neue Tunesien unter Führung der islamistischen “Ennahda”-Partei den aggressiven bärtigen Lumpen nachgibt, die sich bei den Salafisten sammeln und die Gesellschaft mit ihren Moralvorstellungen zu terrorisieren beginnen.

Wie wird sich die manchmal als “moderat” beschriebene Ennahda gegenüber den extremistischen Salafisten verhalten? Wird sie eines Tages eine Linie ziehen und efinieren, wie sie es mit den Freiheiten hält? Oder wird sie wie bisher einen Schlingerkurs fahren, bei dem mal der Übereifer der Langbärtigen kritisiert, und dann wieder die gemeinsame Verurteilung der “Gottlosigkeit” herausgekehrt wird?


Zwei säkulare Intellektuelle – der Journalist Zyed Krichen und der Professor Hamid Redissi – haben im Umfeld des Prozesses den Mob bärtiger junger Männer kennengelernt, der sich anschickt, die Herrschaft über die Straße und die Institutionen Tunesiens zu übernehmen. Die Szene wurde gefilmt (s. oben ab ca. 1:20), und sie ist beklemmend. Ein Spießrutenlauf zweier mutiger Männer, beschimpft von hasserfüllten Jungspunden, die nur auf eine Gelegenheit wareten, lozuschlagen.
Und so kommt es dann auch: Krichen wird von hinten auf den Kopf geschlagen, Redissi will ihm zu Hilfe kommen und wird von dem Angreifer mit einem brutalen Kopfstoß traktiert. Der Angreifer wurde zwar später zur Rechenschaft gezogen. Aber ein Ennahda-Sprecher verurteilte zugleich den Film, der den Anlass für die ganze Aufregung bot, als “eine Verletzung des Heiligen”.

Damit wird dem islamistischen Pöbel hintenrum dann doch wieder Recht gegeben.
Ich habe schon in meinem ersten Bericht zum Thema das Bild wiedergegeben, dass angeblich gotteslästerlich ist. Ich tue es hiermit wieder.

Der "blasphemische" Stein des Anstoßes





Man kann den betreffenden Film, eines der großen Meisterwerke der Filmkunst der letzten Jahre, im Netz komplett sehen. Wer wirklich glaubt, die Szene mit dem kleinen Mädchen, das Gott zürnt, weil der ihren lieben Onkel nicht vor der Hinrichtung bewahrt hat, sei Gotteslästerung, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. (Hiob? Ayjjub? Ring a bell?)
Es handelt sich eindeutig um die Darstellung eines inneren Konflikts, in dem eine Heranwachsende mit einem Gott, den sie imaginiert, hadert. Hier wird Gott gezeigt, wie ein Kind ihn sich vorstellt, als gütigen alten Mann mit Rauschebart. Er sagt: Was soll ich machen, die Menschen hören ja nicht auf mich! Eine religiöse Grunderfahrung wird auf eine rührend-menschliche Weise dargestellt. Das Thema der kurzen Passage in dem Film ist die Theodizee, die Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels.
DAS gezeigt zu haben, soll Grund sein, einen TV-Direktor wegen Blasphemie zu verurteilen? Krank.

Ich hoffe, falls diese Farce weitergeht und es tatsächlich zum Prozess kommen sollte, dass dann unsere Regierung und die EU sich vehement für Nabil Karoui einsetzen. Man muss den Verantwortlichen in Ennahda deutlich machen, dass dieses Thema eine klare Haltung erfordert.
Ein Politbüro-Mitglied der Partei lässt sich von der New York Times wie folgt zitieren:
“It’s like a war of attrition,” said Said Ferjani, a member of Ennahda’s political bureau, who complained that his party was trapped between two extremes, the most ardently secular and the religious. “They’re trying not to let us focus on the real issues.”
Das ist nicht akzeptabel: Meinungs- und Pressefreiheit, und auch Religionsfreiheit (inklusive der Freheit von der Religion, wenn gewünscht) ist ein real issue.

Montag, 19. März 2012

Heroinvergabe und Drogenhilfe

Eine Lobby verrät ihre Klientel

 


Der Krieg gegen die Drogen ist auch in Deutschland immer noch ein Krieg gegen die Abhängigen. Deren Leben bleibt geprägt von Kriminalisierungsdruck, Inhaftierung, Obdachlosigkeit, Psychiatrisierung, Viren- und anderen Infizierungen, sozialer und körperlicher Verelendung, Vertreibung, „Junkie-Jogging“, Platz- und Aufenthaltsverboten, Ingewahrsam- und Festnahmen (oft ausschließlich, weil sie als störend visualisiert werden) und einer "Schimanskisierung polizeilicher Verfolgung" (Wolfgang Schneider). Von den ca. 64 000 Häftlingen in Deutschen Justizvollzugsanstalten sitzen etwa die Hälfte "wegen oder mit Betäubungsmittelgesetz-Hintergrund".


In Deutschland leben etwa 200 000 Heroin- und Opiat-Abhängige, in Köln 2500 bis 3000, knapp ein viertel Prozent der Bevölkerung, in der EU plus Norwegen sind es etwa 1,5 Millionen Menschen, von denen ca. 15 000 jährlich an den Folgen ihrer Suchterkrankung sterben.



Abstinenz oder "beigebrauchsfreie" Substitution sind keine Alternativen

Neben der gewaltigen Repressionsmaschinerie hat sich ein nicht minder aufgeblähter "Hilfskomplex" entwickelt, für den die deutschen Sozial- und Rentenversicherungsträger jährlich etwa 10 Milliarden (10.000.000.000) Euro ausgeben; gemessen an den marginalen Erfolgen eine ernüchternde Bilanz. Als das Scheitern der Abstinenz-Ideologie nicht mehr zu übersehen war, wurde zwar mit Fixerstuben, Spritzentausch, Cafés und Notschlafstellen etwas Sozialkosmetik verwirklicht, der Grundsatz "Abstinenz oder Strafe" aber nie wirklich aufgegeben, sondern nur um einige Zugeständnisse "aufgeweicht". So werden inzwischen zwar etwa 60 000 Abhängige von ca. 2000 Ärzten in Deutschland meist mit Methadon substituiert, doch die drogenpolitische Realität lässt immer noch ausschließlich Abstinenz oder "beigebrauchsfreie" Substitution als Pseudo-Alternativen zu. Präventiv-medizinischen Ziele, Überlebenssicherung der Patienten und sozialpolitische Schadensminimierung spielen weiter nur eine Nebenrolle.

"Schimanskisierung polizeilicher Verfolgung"

Eine Studie mit dem Titel "Einstellungen und Vorurteile substituierender Ärzte" dokumentiert ein erschreckend "breites Spektrum negativer Einstellungen und Defizite in großen Teilen der substituierenden Ärzteschaft". Mangelhaftes Wissen über die Substanzwirkungen, strikte Durchsetzung eigener, oft willkürlicher Regeln und häufig lebensgefährliche Behandlungsabbrüche als Sanktion für Heroin-Rückfälle gehören zum grauenhaften Alltag solcher ‚Drogenbewirtschaftung’. Straßen-Heroin bleibt das Problem auch in der Substitution, die daher geprägt ist durch tägliche, kontrollierte Einnahme in den Praxen und einem regelrechten Wettrüsten beim Nehmen und Fälschen von Urinproben.





Nicht weniger repressiv sind die (Teil-)Entgiftungsstationen in den geschlossenen Psychiatrien und die Deutschen Drogentherapien, die bei 90 % Ihrer Klientel als Hafterleichterung fungieren, und schon deshalb kaum als unabhängig vom Justiz- und Vollzugsapparat bezeichnet werden können.

Die drogenpolitische Revolution von 2009

Doch es hat sich - bisher weitgehend unbeachtet - eine kleine drogenpolitische Revolution in Deutschland ereignet: 2009 wurde - auf maßgeblichen Druck der Grünen aber auch Teilen der SPD, der FDP und der Linken - das Gesetz zur diamorphingestützten Behandlung  ("Heroinvergabe") verabschiedet. 2010 wurde Diamorphin (synthetisches Heroin) in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen.
Jahrelange Studien in sieben deutschen Großstädten hatten bei etwa 500  Schwerstabhängigen beeindruckend deutlich die Vorteile des Diamorphins gegenüber Methadon nachgewiesen. Der Gesundheitszustand der Probanden verbesserte sich deutlich, der Konsum von Straßenheroin ging auf Null zurück, ebenso fast die Beschaffungskriminalität und sogar die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten hatte sich mehr als verdoppelt. Fast schon euphorisch liest sich im Beschluss des Bundesgesundheitsministeriums von Mai 2009, den Kosten einer Heroinbehandlung stünden pro Patient "Einsparungen in Höhe von insgesamt 10000 Euro pro Jahr" gegenüber.


Lasst die Ärzte endlich ihren Job machen

Die Tür zur Originalstoffvergabe war aufgestoßen, die jahrzehntelange Forderung der Vertreter einer akzeptanzorientierten Drogenpolitik war erfüllt und damit das Ziel in erreichbarer Nähe, dem Drogenhandel (im Heroin- und Opiatbereich) die Grundlage zu entziehen, die Zahl der Drogentoten und die Beschaffungskriminalität zu minimieren, die offenen Drogenszenen aufzulösen, kurz: sämtliche Probleme, die mit Straßenheroin und dessen Konsum einhergehen, zu minimieren oder ganz zu lösen.
Doch was wurde aus dieser Chance bisher gemacht? Die sieben bisherigen Vergabestellen blieben zwar in Betrieb, doch in keiner der übrigen 73 deutschen Großstädte, geschweige in kleineren Kommunen, wurde bisher auch nur eine einzige Vergabestelle eingerichtet! An den Zugangskriterien kann es kaum liegen: die Indikationen erfüllen wahrscheinlich weit mehr als die ursprünglich anvisierten 6000 Patienten.

Oberflächlich wird die hohe Anschubfinanzierung skandalisiert, doch Kosten und Nutzen einer Diamorphin-Vergabe darauf zu reduzieren, wäre betriebs- und volkswirtschaftlicher Unsinn. Tatsächlich liegt die mit etwa 100 000 Euro pro Vergabestelle relativ hoch. Denn nach den strengen, vom LKA zu überwachenden Vorschriften müssen die Räumlichkeiten über höchste Standards mit Videoüberwachung, Sicherheitsglas, Tresoren, Alarmanlagen und einen Sicherheitsring verfügen. Zweifel sind berechtigt, ob - erst recht in Zeiten klammer Kommunen - solcher Aufwand notwendig ist, oder ob ein Tresor und Panzerglas nicht auch ihren Zweck erfüllen würden.
Doch der eigentliche Skandal ist ein anderer: der Apparat sogenannter Drogenhilfen, über Jahrzehnte gewachsen um die Folgeschäden des Straßenheroins zu mindern, scheint sich in Zeiten massiver Kürzungen ganz auf Bestandssicherung und sich selbst zu konzentrieren, und drogenpolitischen Fortschritt nicht als Verpflichtung sondern als Besitzstandsgefährdung zu begreifen. Auf kommunaler Ebene wird sogar nicht selten kaltschneuzig der Bedarf an einer Heroin-Vergabe kategorisch bestritten, und damit der eigene therapeutische und wissenschaftliche Anspruch ad absurdum geführt: Die meisten Abhängigen seien schließlich mit der bisherigen Substitution "gut versorgt" - was nicht nur auf Grund der Studien und Modellprojekte sehr zu bezweifeln ist - und überhaupt sei die Anschubfinanzierung nicht aufzubringen. Solche Ausreden hören Kommunalpolitiker nicht ungern, erst recht, wenn sie von scheinbar unverdächtiger Seite kommen, und die unbestrittenen, immensen Einsparungen, die eine solche Vergabestelle mit sich brächte, nicht unbedingt und nicht direkt das eigene Budget betreffen.





Und so verliefen alle Planungen für die Eröffnung von Diamorphin-Vergabestellen in deutschen Städten bisher im Nichts.

Die Drogenhilfen ziehen "Motivational Interviewing for non treatment seaking people" konkreter medizinischer Hilfe vor

 Nicht die neuesten Studien und Forschungsprojekte über " In-Take-Gespräche", "Motivational Interviewing als Stand-alone-Behandlung" oder "non-treatment-seeking population", keine Seminare über "Genderproblematik im Drogenbereich", "neue Gebrauchsmuster", oder "stand-alone-Intervention zur Stärkung der Motivationsarbeit"; auch nicht die oft unfreiwillige psychosoziale Betreuung von Substituierten, das ausufernde "Case Management" - nicht diese ganze Psychotherapeutisierung der Abhängigen, die ständigen, drehtürmäßigen Einweisungen in Akut-Stationäre-Behandlungen, nicht die unzähligen Therapie- und Substitutionsabbrüche, weder das gesamte, inzwischen unüberschaubare Diagnose- und Methodenarsenal noch die Labortechnik und Pippi-Überwachungsindustrie, nicht all diese und andere unzählige Maßnahmen zur Folgebehandlung und Sanktionierung des Konsums von Straßenheroin! - Nein!! - all das ist nicht zu teuer? Aber die Anschubfinanzierung für eine kostendeckende Diamorphin-Vergabestelle, die soll angeblich den doch generell in der Drogenhilfe so unbescheidenen finanziellen Rahmen sprengen.

Das soziale Phänomen der Drogenszenen und des "Junkies" wird  aufhören zu existieren, 

Wie absurd diese Behauptung ist, beweisen schon die bestehenden Einrichtungen. Es gibt Sponsoren, man kann Vergabestellen an bereits bestehende Einrichtungen angliedern wie in Köln, an Krankenhäuser anschließen wie in Bonn oder den Betrieb sogar der Arbeiterwohlfahrt überlassen wie in Karlsruhe. In kaum einer Kommune geht es wirklich um die 100 000 Euro Anschubfinanzierung, es fehlt offensichtlich an Überzeugung und Mut, im Interesse der Patienten den klar formulierten Willen des Gesetzgebers umzusetzen. Die enormen Einsparungen für die öffentlichen Kassen durch die Einrichtung einer Vergabestelle sind im Übrigen so hinlänglich nachgewiesen, dass jeder, der objektiv die Finanzierungen analysiert, sich ohnehin mehr Sorgen um die Kosten einer Nicht-Umsetzung macht.
Die gesetzliche Möglichkeit der Direktvergabe ist ein historischer Meilenstein der Drogenpolitik, der gegenwärtig um den Preis des Verrats an 40 Jahren medizinischer, politischer, wissenschaftlicher und drogentherapeutischer Arbeit und am verfassungsmäßigen Willensbildungsprozess verpasst zu werden droht.
Das soziale Phänomen der Drogenszenen und des "Junkies" wird in unserer modernen, sozialen Demokratie aufhören zu existieren, sobald die Kommunen die Ärzte nun endlich ihren gesetzlich vorbeschriebenen Job machen lassen. Die nachgewiesenen enormen Einsparungen werden dringend benötigt, und das unwürdige, kleinkriminelle und verwahrloste Milieu in unseren Innenstädten wird der Vergangenheit angehören.




Die Richtlinien zur Heroinvergabe werden gegenwärtig vom Kassen-Ausschuss (GB-A) überarbeitet. Einige unnötige Hindernisse – z. B. dass die Vergabe täglich 12 Stunden unabhängig von den Öffnungszeiten besetzt sein muss – werden wegfallen. Auf die vorgegebenen Sicherheitsstandards hat der Kassen-Ausschuss keinen Einfluss. Aber vielleicht darauf, den Kommunen logistische Unterstützung zu kommen zu lassen, vielleicht sogar den Aufbau solcher Vergabestellen, die auch neue Arbeitsplätze schaffen, zu standardisieren und von zentraler Stelle zu unterstützen.



Ärztekammer, Polizeipräsidenten, Sozial- und Berufsverbände: An einige neue Verbündete muss man sich als Junkie noch gewöhnen
Die Heroin-Süchtigen finden sich in der paradoxen Situation wieder, inzwischen zwar starke Verbündete zu haben in Sozialverbänden, der Bundesärztekammer, in vielen Berufsverbänden wie denen der Deutschen Psychiater und der Psychotherapeuten, in vielen Bundes- und Landespolitikern, ja sogar in Polizeipräsidenten. Die etablierten Drogenhilfen und lokalen Politiker aber stehen dem epochalen Wandel, der Verwirklichung der Direktvergabe, weitgehend  gleichgültig, hilflos oder ablehnend gegenüber.

Mangelnder politischer Sachverstand im Kommunalen Bereich lässt Fortschritte im Drogenbereich scheitern

Unzählige Schwerstabhängige in Deutschland warten verzweifelt auf die Umsetzung des Gesetzes. Einschlägige Internetforen quellen über von Leidensgeschichten über verstorbene Abhängige, verzweifelte Angehörige und Substituierte und wütenden oder ohnmächtigen Hilfeschreien. Menschen, denen gesetzlich seit Jahren qualifizierte medizinische Hilfe zusteht, diese aber bisher konsequent und fast bundesweit verweigert wird.


Eine bedeutende Errungenschaft urbaner Zivilisation endlich wieder entdeckt; (was ist eigentlich aus der bisherigen Scheiße in 40 Jahren Drogenhilfe geworden?)
So sieht moderne Sozialpolitik aus, wenn ideologischer Pragmatismus auf drogenpolitischen Unverstand trifft                                 Krefeld/Theaterpatlz                                                                                        

Die Kommunen wenden seit Jahren viel Zeit, Geld und Personal auf, um einen Reparatur- und Kontrollbetrieb rund um die Drogenszenen aufrecht zu erhalten. Und auch der Polizeiapparat ist - mal unwillig mal enthusiastisch - nicht untätig, Schwerstabhängige wegen geringster Konsumeinheiten zu verfolgen. Da wird es mit den Gesetzen dann oft weniger genau genommen. Doch mit immer mehr Schwarzen Sheriffs, illegaler Videoüberwachung, Razzien und zweifelhaften Entziehungen von Grundrechten werden gewiss keine drogenpolitischen Fortschritte erzielt.

Bedeutende politische Gesetzesgebung droht an mangelndem lokalen drogen- und rechtspolitischem Sachverstand zu scheitern. 


Karl Karam, Krefeld, Köln, seit 21 Jahren opiatabhängig

Freitag, 17. Februar 2012

Kommentar: In Marokko ist noch alles möglich

Kommentar: In Marokko ist noch alles möglich

aus "Naher und Mittlerer Osten ("Aschark")", eine Website die ich sehr empfehle:
 http://www.alsharq.de/2012/01/kommentar-in-marokko-ist-noch-alles.html#more


Liebe Leserinnen und Leser,

anders als in Tunesien blieb in Marokko ein politischer Umsturz aus. Allerdings hat sich eine Bewegung gebildet, die sich für politische Reformen und mehr Demokratie einsetzt: Die Bewegung des 20. Februar, benannt nach dem Tag, an dem Tausende Marokkaner auf die Straßen gingen und auf friedliche Weise grundlegende Freiheiten einforderten. Es folgt ein Bericht eines Aktivisten der Bewegung des 20. Februar.  

Von Mehdi Bouchoua

25. Dezember 2011, Rabat.
Um 16 Uhr befindet sich bereits ein Dutzend junger Menschen der Bewegung des 20. Februar auf dem Bab Al Ahad-Platz und bereitet die erste Demonstration vor, seitdem die Islamisten von Al Adl Wal Ihsan (Gerechtigkeit und Wohltätigkeit) - die größte politische Strömung Marokkos - der Bewegung des 20. Februar ihre Unterstützung entzogen haben.

Alle sind besorgt, denn es könnte das Ende der Bewegung bedeuten, die am 20. Februar 2011 als Reaktion auf den Arabischen Frühling entstanden ist und die den Marokkanern Hoffnung auf einen wahren Wandel und auf ein Ende der Despotie sowie der Korruption gegeben hat.


Diese Bewegung hat sich von Beginn an für tiefgreifende Reformen, und nicht für den Sturz der Monarchie ausgesprochen.
Vielmehr zielt sie auf die Errichtung einer parlamentarischen Monarchie ab, bei der alle Gewalten vom Volk ausgehen.

Das marokkanische Regime ist ein semiautoritäres System, das - je nachdem - politische Gegner verprügeln lässt, oder wenn es opportun erscheint Zugeständnisse macht. In den letzten zehn Monaten schwankte es zwischen dieser doppelzüngigen Strategie von Zuckerbrot und Peitsche hin und her, um die Protestbewegung so gut es geht zu neutralisieren und nicht das Los der großen arabischen Diktatoren zu erleiden.

Was wurde bislang erreicht?

Auf der politischen Ebene wurde eine neue Verfassung verabschiedet, die dem Parlament mehr Macht verleiht und Fortschritte im Bereich der Einhaltung der Menschenrechte und der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen mit sich bringt. Allerdings wird auch die neue Verfassung von der Opposition abgelehnt, da es sich um eine von oben „bewilligte“ Verfassung handelt, die nicht vom Volk ausging und bei der der Großteil der Macht weiterhin in den Händen des Königs bleibt.
Außerdem fanden vorgezogene Wahlen statt, die den Islamisten der PJD (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) zum ersten Mal erlaubten, 107 Sitze im Parlament zu gewinnen, eine Regierung zu bilden und diese zu leiten.

Auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene wurden Gehaltserhöhungen für Angestellte des öffentlichen Dienstes verfügt, einige Arbeitslose wurden für den öffentlichen Dienst rekrutiert und Jobversprechen an weitere Gruppen gegeben.


Das alles ist den Opfern junger Aktivisten zu verdanken, die bereits neun Märtyrer in ihren Reihen zählen: Fünf durch Selbstverbrennung im Kontext der Ausschreitungen des 20. Februar, eine junge alleinstehende Mutter, die sich am 21. Februar nach dem Beispiel Mohammed Bouazizis ebenfalls das Leben durch Selbstverbrennung nahm, zwei Aktivisten, die von den Sicherheitskräften zu Tode geprügelt wurden und außerdem ein Aktivist, der durch einen Regimeanhänger erdrosselt wurde. Nicht zuletzt müssen auch politische und Gewissensgefangene genannt werden, wobei Mouad Belghouate alias HAKED (der Empörte), Rapper und Aktivist, seit drei Monaten ohne Gerichtsverfahren inhaftiert ist ….

16:10 Uhr: Die Demonstration beginnt, ca. Hundert Menschen sind schon da, singen Loblieder für die Märtyrer und fordern eine wahre Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, während weitere Demonstranten dazu stoßen.

16:30 Uhr: Der Demonstrationszug bewegt sich in Richtung Parlament, wir sind ca. 3000 Demonstranten. Die jungen Menschen sind froh, niemand hatte mit so vielen gerechnet, nachdem die Islamisten abgesprungen waren. Noch besser, jetzt können wir Slogans für die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen singen, wir können auf der Straße tanzen, uns in den Arm nehmen, ohne den Groll islamistischer Demonstranten auf uns zu ziehen.

Gesichter, die aufgrund der Teilnahme der Islamisten die Bewegung verlassen hatten, sind wiederaufgetaucht, Feministinnen und linke Intellektuelle sind präsent und der Hauptslogan aller Teilnehmer lautet «MAMFAKINCH! » (Wir geben nicht auf!).

18 Uhr: Ende der Demonstration, Abschlussrede eines Jungen aus unserer Bewegung. Unser Kampf für Gleichheit, Freiheit und soziale Gerechtigkeit geht weiter. Unsere Strategie ist klar definiert: den Druck der Straße aufzubauen und so viele Bürger wie möglich zu mobilisieren, es lebe das Volk!


19 Uhr: Die jungen Menschen finden sich in Internetcafés ein und versuchen Informationen über die Demonstrationen herauszufinden, die parallel in 61 anderen Städten des Königreiches stattgefunden haben. – Von überall liest man gute Nachrichten: Casablanca 10.000 Demonstranten, Tanger 30.000….

In Marokko ist noch alles möglich, die Bewegung 20. Februar geht aus jeder Krise gestärkt heraus.
Sicher, es wird weniger mobilisiert als früher, die Marokkaner warten darauf, welche Reformen ihnen die islamistische Regierung bieten kann und die anderen Islamisten aus der Opposition haben sich aus Solidarität mit ihren regierenden Brüdern aus der Bewegung zurückgezogen.

Es gibt gleichwohl schlechte Entwicklungen:

Der König hat ein Schattenkabinett errichtet und von den Marokkanern verhasste Symbolfiguren für  Korruption wie Fouad Ali Lhimma als Berater eingesetzt. Nicht zuletzt hat er entgegen der neuen Verfassung 29 Botschafter ernannt, da die neue Konstitution diese Aufgabe für den Premierminister vorsieht. In der neuen Regierungskoalition soll außerdem die Istiqlal-Partei vertreten sein, die mehrheitlich aus korrupten Politikern besteht, welche die Marokkaner anwidern.


Schließlich steht eine Wirtschaftskrise bevor, da über 70% der Handelsgeschäfte Marokkos mit der Europäischen Union getätigt werden, welche derzeit eine große Krise durchläuft. Der Grad an politischem Bewusstsein der Marokkaner nimmt dank der Protestbewegung stetig zu. Überall in der Peripherie Marokkos entstehen spontane Bewegungen, die korporatistische Forderungen wie das Recht auf eine Wohnung, vereinen.

Das Bild Marokkos als Ausnahme in der arabischen Welt, das die Autoritäten mit Hilfe von katarischen und europäischen Medien von sich zeichnen möchten, wird nicht lange halten können… alles ist noch möglich!

Übersetzung aus dem Französischen von Naoual Belakhdar.




Donnerstag, 16. Februar 2012

Was weint Scheich Nasser?

Die Tränen des Saudi-Scheichs Nasser al-Omar:
"Die Gemeinschaft der Muslime diskutiert nicht mit Atheisten, sie tötet sie"

Keine Sorge, liebe Brüder (+ Schwestern), der Prediger weint nicht um die Opfer seiner Hetze und seines menschenverachtenden Wahns, es ist auch kein Anflug von Reue oder Zweifel in die Unfehlbarkeit seines eigenen Glaubenswächter-Terrors. Er weint auch nicht um die Opfer von Kriegen, Hungersnöten oder anderer Katastrophen. Er weint über die "Beleidigung" seines Propheten und die Verneinung Gottes. Dann ist es ja gut, könnte man meinen, Gottseidank ist nichts passiert. Doch weit gefehlt. Es sind giftige Tränen, die sich wie Alien-Säure durch die gleichgeschalteten Hirne seiner blutdürstigen Jünger fressen.
Hamza Kashgari.Auch sein Blut soll fließen durch die Hände bitterböser Religionsdeppen 



Kashgaris Geburtstags-Tweets: 

Am letzten Samstag, einen Tag vor dem Geburtstag Muhamads - in vielen islamischen Ländern gesetzlicher Feiertag - philosophierte Kashgari auf Twitter folgende Tweets, die es wert sind, groß gedruckt zu werden:

Tweet Nummer 1: 

„An deinem Geburtstag werde ich sagen, dass ich den Revolutionär in dir liebte, der mich immer inspirierte. Aber ich mag den Heiligenschein nicht. Ich bete dich nicht an.“

Tweet Nummer 2: 

„An deinem Geburtstag sehe ich dich, wohin immer ich mich wende. Ich werde sagen, dass ich Dinge an dir liebte, Dinge hasste und viele andere Dinge nicht verstand.“


Tweet Nummer 3:
 „An deinem Geburtstag werde ich mich nicht vor dir verbeugen, nicht deine Hand küssen. Ich werde sie schütteln wie ein Ebenbürtiger und dich so anlächeln wie du mich anlächelst. Und ich werde mit dir nur so sprechen wie mit einem Freund...Mehr nicht.“






 Hamza Kashgari´s Leben ist wohl kaum mehr zu retten. Die wahhabitische Mord- und Totschlag-Vereinigung hat ihn inzwischen von Malaysia nach Gaudi-Arabien verschleppt. Die Gemeinschaft der Rechtgläubigen schreit wieder mal nach Blut, diesmal nach dem eines eigenen Bruders, der die obigen, sehr interessanten und diskussionswürdigen Gedanken geäußert hat. Ein schwerer Verstoß gegen das islamische Verbot jedes religionswissenschaftlichen Diskurses in eigener Sache. Da half auch löschen und entschuldigen nichts mehr. Hamza warf sich sofort in den Staub und bereute unter dem Beten des Islamischen Glaubensbekenntnisses diese unterwürfige Entschuldigung, in der er mehrfach den allmächtigen Gott um Verzeihung bittet und sich zum Siegel der Propheten Mohamed bekennt:
Vergeblicher Widerruf: "ich bereue...ich bitte um Vergebung...ich bekenne, es gibt keinen Gott außer Allah und Mhmd ist sein Prophet"

Doch auch dieser Widerruf, und selbst seine Flucht nach Malaysia waren zu spät und vergeblich; das wahhabitische Establishment hatte sich längst 10-tausendfach auf den intellektuellen Abweichler eingeschossen, der wohl schon zuvor als frei Denkender aufgefallen war. Ein Exempel wird statuiert, gegen jede arabisch-jugendliche, intellektuell-frühlingshafte geistige Regung. Denn intellektuelle und wahhabitische Rechtschaffenheit schließen sich aus. Wer nicht mehr überzeugt ist von der Unfehlbarkeit der bärtigen Tyrannen, der soll eingeschüchtert oder liquidiert werden. Wieder mal empört sich massenhaft diese sitten- und lynchgeile Gemeinde der generalsstabsmäßig mobilisierten Freitagsbeter.

Doch sollten wir uns nicht irren: dieser Terror gilt Allen, die ihr Hirn nicht bedingungslos in die wahhabitische Wüstentonne kloppen.

Darum weine ich heute auch: um diesen bedauernswerten jungen Denker, und um jeden verletzten oder getöteten Navy-Seal, KSK, GSG, IDF und sonstigen Soldaten, der uns, hoffentlich, vor diesen blutrünstigen unbarmherzigen Lynch- und Terror-Regimen schützt.


          Der Terror geht weiter...

Dienstag, 14. Februar 2012

Mittwoch, 8. Februar 2012

"Eine Schwuchtel zu sein entspricht der Scharia"

Homophobe Welle in Tunesien

Eine Welle der Homophobie entzündet sich in Tunesien gegenwärtig an der Ennahda-Partei. Deren Innenminister Ali Larayedh habe 1991 angebliche in einem Schwulenporno mitgespielt. Wer diese völkische Empörung mit offensichtlich gezielten "Enthüllungen" über die angebliche schwule Unterwanderung der Ennahda - egal ob nun wahr oder nicht - angestoßen hat, ist unklar.

Es scheint, dass die aktuelle Schwulen-Panik ihre Wurzeln in den Kampagnen von Anhängern der Ennahda-Partei selbst gegen konkurrierende Parteien hat, und nun auf sie zurückschlägt. Etwas ernüchternd ist die Bereitschaft und Begeisterung, mit der die Anhänger der Opposition, die Menschenrechte und Demokratie verfechtet haben, den homophoben Diskurs nun selbst befördern. 

Die größten Verlierer dieser Kampagne sind die tunesischen Homosexuellen. Während der Zeit Ben Ali´s wurde Homosexualität in der tunesischen Gesellschaft totgeschwiegen. In der jetzigen öffentlichen Kampagne steht sie nun synonym für Pädophile, Korruption, mangelnde Integrität und Heuchelei.

"Eine Schwuchtel zu sein entspricht der Scharia" (rechts unten das Logo der Ennahda-Partei)


Samstag, 14. Januar 2012

Seriennummern vergessen?

 Get My Keys Back 2: Hilft bei Verlust von Seriennummern installierter Programme; liest unter anderem Schlüssel aus und lässt sich ohne Installation und Administrationsrechte starten:
Screenshot

Hier 62 kb downloaden; lässt sich sofort starten ohne Installation:

Get My Keys Back 2, Download bei heise